© 2004 Frank Scheerer
Letzte Aktualisierung:
17.10.2008


Einführung

Im Bereich der historischen Grammatik kann das Germanistische Seminar Bonn auf eine bedeutende Tradition zurückblicken, die bis ins Wilhelm Wilmanns (1842-1911) 19. Jh. zurückreicht (Wilhelm Wilmanns 1842-1911, Johannes Franck 1854-1914). In den letzten Jahrzehnten ist in Bonn (und in Ausgsburg) die vielbändige Grammatik des Frühneuhochdeutschen entstanden. Das Frühnhd. ist die dem Nhd. unmittelbar vorausliegende Sprachepoche. Dem Frühneuhochdeutschen wiederum geht das Mittelhochdeutsche voraus.
Mittelhochdeutsch (=Mhd.) ist das Hochdeutsch, das von Mitte des 11. Jh.s bis zur Mitte des 14. Jh.s gesprochen und geschrieben wurde. Das Mittelhochdeutsche war keine einheitliche Sprache wie die heutige deutsche Standardsprache, sondern bestand aus vielen verschiedenen Dialekten.
Obgleich Sprache und Literatur der mhd. Zeit seit den Anfängen des Faches im Zentrum des Interesses der Grammatik standen, fehlt es bis heute an einer umfassenden und sprachwissenschaftlichen Ansprüchen genügenden mittelhochdeutschen Grammatik auf der Basis des handschriftlich überlieferten Mittelhochdeutschen.
Eine solche vierbändige Grammatik wird nun im Rahmen eines größeren Projektes in den Arbeitsstellen

  • Bonn (Leitung Prof. Dr. Thomas Klein),
  • Bochum (Leitung Prof. Dr. Klaus-Peter Wegera) und
  • Halle (Leitung Prof. Dr. Hans-Joachim Solms)

erarbeitet.

Kooperationsvereinbarungen bestehen mit

  • Prof. Albrecht Greule (Univ. Regensburg),
  • Prof. Dr. Eckhard Meineke (Univ. Jena),
  • Dr. Jonathan West (University of Newcastle) und
  • und Dr. Heinz-Peter Prell (Universitet i Oslo).

Hauptaufgabe der Bonner Arbeitsstelle ist es gegenwärtig, das zentrale Quellenkorpus im Umfang von etwa 1.000.000 Wortformen durch grammatische Indizes zu erschließen, die der grammatikographischen Auswertung eine sehr gute Grundlage bieten.
Diese Arbeiten werden computergestützt mit einem umfänglichen, eigens für diesen Zweck entwickelten Programmpaket durchgeführt. Die grammatischen Indizes enthalten für jede handschriftliche Wortform einen Datensatz, der folgende Informationen enthält: außer der handschriftlichen Wortform und ihrer genauen Stellenangabe das Lemma (die Grundform), die Wortart, die grammatische Bestimmung (etwa Kasus, Numerus, Genus, Deklination beim Adjektiv), eine künstlich erzeugte mhd. Normalform und eine graphonematische Analyse der handschriftlichen Wortform. Aus den vertikal sortierten grammatischen Indizes erzeugt ein weiteres Programm eine Syntaxanalyse etwa in der Art der Phrasenstrukturgrammatik.
Außerdem wird in der gegenwärtigen Projektphase die Wortbildung des mhd. Adjektivs und Adverbs beschrieben und analysiert.
Die Bonner Arbeitsstelle des Projektes ist gegenwärtig mit folgenden DFG-Stellen besetzt:

  • 2 halbe E13-Stellen (TV-L),
  • 1 WHK-Stelle und
  • 1 SHK-Stelle.

Hermann Paul Parallel zum Projekt der vierbändigen großen Grammatik wird von Thomas Klein, Hans-Joachim Solms und Klaus-Peter Wegera die einbändige mhd. Standardgrammatik von Hermann Paul neu bearbeitet. Beabsichtigt ist zum einen eine Verschlankung und Neuprofilierung als Studiengrammatik, zum anderen soll das tatsächlich überlieferte Mhd. besser und genauer als bisher dargestellt werden.

Stadium des Projektes

Die Projektphasen der Lemmatisierung und Indizierung sind abgeschlossen worden. Die Veröffentlichung des Wortbildungs-Bandes zum Ende des Jahres 2006 erfolgen.

Zeitraum des Projektes

Seit 1999 werden die Quellen im Rahmen eines auf 10 Jahre veranschlagten DFG-Langfristprojektes ausgewertet und darauf gestützt nacheinander die vier Bände der neuen Grammatik des Mittelhochdeutschen erarbeitet, je ein Band für die Wortbildung, Lautlehre, Formenlehre und Syntax.